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DAS ORCHESTER (Germany)

Die CD ist eingelegt, eine bis dato unbekannte Musik zweier wiederentdeckter Komponisten erklingt, und sofort stellen sich Querverbindungen, Assoziationen zu wohlvertrauten Komponisten ein. Ach ja, unser Ohr hat seit der Erfindung der Schallplatte seine Unschuld verloren; durch ständiges Wiederholen sind zahllose, unterschiedlichste Klangwelten in unser Gedächtnis eingebrannt, die ein unvoreingenommenes Hören nicht nur verhindern, sondern negativ beeinflussen können: „Ha, ein Epigone!“ So auch hier, beim ersten Anhören der beiden Klavierkonzerte von Georgy Catoire (1861-1926) und Percy Sherwood (1866-1939), der eine ein Russe mit französischen, der andere ein Deutscher mit englischen Wurzeln. Beide vereint das Schicksal vergessener Komponisten. Und beide Werke beweisen, wie schädlich und verfälschend dieser Assoziationsautomatismus sein kann. Gewiss, bei manchen Passagen in Catoires fulminanten Klavierkonzert-Variationen (1909) fühlt man sich an Tschaikowskys stürmischen Schwung und Melancholie erinnert, an Liszts rauschhaftes Glitzern und sogar an Straussens Till-Eulenspiegel-Übermut. In Sherwoods zweitem, ganz klassisch aufgebautem, zuweilen etwas plakativem Klavierkonzert (1933) fällt einem spontan Beethovens fünftes ein, wenn die kurze, hymnische Orchestereinleitung gleichsam den Vorhang öffnet für das grandios sich aufschwingende Klavier. Doch je öfter man die beiden Werke hört, desto persönlicher in ihrer Tonsprache, desto fesselnder in ihrer Gestaltung, Fantasie und Ausdrucksvielfalt werden sie. Kein Wunder, dass Tschaikowsky dem jungen Catoire ein „gewaltiges kreatives Talent“ bescheinigte. Es nutzte ihm wenig: Gegen die Allmacht Rachmaninoffs hatte er keine Chance. Sherwood wiederum erlangte vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland einigen Ruhm, bevor er 1914 nach London emigrierte, dort so erfolglos wie tapfer weiterkomponierte und unbeachtet starb. Es ist dem Engagement des japanischen Pianisten Hiroaki Takenouchi zu verdanken, dass zwei zu Unrecht ignorierte Komponisten nun rehabilitiert werden. Zusammen mit dem hervorragenden Royal Scottish National Orchestra und seinem Dirigenten Martin Yates gelingt ihm eine mitreißende Einspielung der Klavierkonzerte: ein beeindruckendes Zeugnis seines Verantwortungsbewusstseins den Werken gegenüber, seiner Imaginationskraft und seiner Fähigkeit, zu gestalten und Zusammenhänge hörbar zu machen. Zweifellos: Anders als manche Ausgrabungen sind diese Werke eine erfreuliche Bereicherung des neoklassizistischen – oder doch eher spätromantischen? – Klavierrepertoires. – Susanne Rudolph (April 2013)